Kognitive Dissonanz
Pünktlich zum ersten Jahrestag der neuen Trump-Administration »flutet«
man erneut die Welt mit abstrusen Aktionen und Forderungen. Irgendwas bleibt
hängen, das sichert vielleicht die Zwischenwahlen, mag die Logik dahinter sein.
Besser alles nicht nah herankommen lassen, sonst leidet die Analysefähigkeit.
Was hilft: Konzentration auf Europa.
Das scheinen auch andere so zu machen: Europäische Kapitalmärkte performen gegenüber den
USA überzeugend aus. Bayer und RWE entwickeln in diesem Umfeld erstaunliche Trenddynamiken.
Sehnsuchtsort: Paralleluniversum
Am Montag feiern die USA den »Martin Luther King Day«. Welch eine Ironie und Scheinheiligkeit. Genauso hätte Nazi-Deutschland auch den höchsten jüdischen Feiertag begehen können. Damals wie heute in den USA wurden/werden anders aussehende, anders denkende und andersgläubige Menschen durch Paramilitärkräfte auf offener Straße verprügelt, ihnen werden Gliedmaßen gebrochen, das Augenlicht genommen oder sie werden gleich erschossen. Die US-Gesellschaft nimmt es hin, wie der deutsche Michel im Nazi-Deutschland.
In abgelegenen Bezirken gibt es noch Reste einer unabhängigen Justiz, die sporadisch versucht, die heftigsten Gewaltexzesse der Paramilitärs einzuhegen. Sobald das passiert, droht der Präsident mit dem Einsatz regulärer Truppen im Inneren – und niemand widerspricht.
Es ist wirklich sehr erstaunlich, wie schnell es der faschistischen Elite in den USA gelang, den Staat nach dem Vorbild der NSDAP in Deutschland gleichzuschalten, jegliche Opposition wirksam im Keim zu ersticken.
Noch erstaunlicher ist, wie es scheinbar mühelos gelingt, diese Ideologie in die Welt zu exportieren. Der erste »Regime-Change« in Caracas ging reibungslos über die Bühne. Im Wissen um die Zerrissenheit der Opposition, arbeitet man mit den Eliten des Landes zusammen, organisiert über identische Repressionen wie im Inland die Ausbeutung der Rohstoffe und Arbeitskräfte. Der Iran steht als nächstes auf der Liste. Hier droht sogar die Wiedereinsetzung der Monarchie. Im Gaza-Streifen ist man schon einen Schritt weiter. Dort sorgt ein handverlesenes Gremium (der sog. Friedensrat) in offen kolonialer Manier dafür, dass US-Interessen gewahrt werden und bestehende Abhängigkeiten zu Israel unangetastet bleiben.
Um das Maß voll zu machen, hat sich die US-Administration nun auch symbolträchtig des Friedensnobelpreises bemächtigt und diesen vollends entweiht. In der kommenden Woche beginnt das »World Economic Forum« in Davos. Auch hier setzt die USA durch, dass nur genehme Themen auf der Tagesordnung sind – aus einer heterogenen Diskussionsveranstaltung zu vielen relevanten Aspekten der globalen Ökonomie ist eine Schmalspurveranstaltung mit Zeitgeistthemen geworden.
Über den Jahreswechsel hat
Geld ist ein scheues Reh
Seit dem Jahreswechsel divergieren die Marktpreise in den USA und Europa (erneut) messbar. In den letzten beiden Wochen baute sich eine (nicht währungsbereinigte) Preisdifferenz von vier Prozent auf, eine dramatische Underperformance der USA. Die Preise für Anleihen in Europa sind ebenfalls gestiegen (Renditen sind gesunken), in den USA ist es andersherum. Seit dem Jahreswechsel wertete der Euro von 1,18 auf 1,16 EUR/USD ab. Auch wenn die Aufwertung des USD nicht ins Bild passt, zeigen die Preisentwicklungen an den Aktien- und Rentenmärkten einen signifikanten Geldfluss nach Europa. Europäische Assets sind gesucht.
Auch japanische Aktien haussieren. Hier steigt jedoch die Rendite für Staatsanleihen schneller als in den USA und der Yen wertet deutlicher ab, als der Euro. Die Preisentwicklung am Aktienmarkt reflektiert wesentlich die Abwertung des Yen; währungsbereinigt profitieren exportorientierte Firmen hiervon.
Die innen- und geopolitischen Salven der Trump-Administration seit Weihnachten, die wohl den ersten Jahrestag der aktuellen Trump-Administration feiern sollen, stärken die Finanzmärkte der ehemaligen internationalen Partner der USA. Staatsfonds und große Hedgefonds können sich kaum öffentlich zu Disinvestments in den USA bekennen, ohne Gefahr zu laufen, öffentlich auf höchster Ebene an den Pranger gestellt zu werden. Das mag die Kapitalflucht fürs Erste einhegen.
Die aktuelle Divergenz der großen Aktienindizes deutet auf einen Neujahrseffekt hin. Neues Anlagekapital wird in der eigenen Währung investiert, anstatt – wie früher – eine ausgewogene Mischung aus heimischen und US-Titeln zu allokieren. Mit jeder Hiobsbotschaft aus Washington oder Florida verstetigt sich dieser Trend.
In der kommenden Woche wird der Supreme Court über die Amtsenthebung für Lisa Cook (FED-Board-Member) entscheiden. Falls das Gericht der Trump-Administration das Recht gewährt, nach Belieben jedes Mitglied des FED-Boards mit eigenen Gefolgsleuten zu ersetzen, wäre die Unabhängigkeit der FED sofort perdu. Die Marktreaktion darauf wäre heftig. Die Berichtssaison nimmt ebenfalls Fahrt auf. Die Unternehmen werden zeigen, wie sie mit den radikalen Veränderungen klar gekommen sind.
Bayer && RWE-Handelssysteme: Erntezeit
Seit dem Preistief um den Jahreswechsel 2024/25 hat sich der Preis der Bayer-Aktie verdoppelt. Bereits in der nächsten Woche könnte der Supreme Court in den USA die verbliebenen Glyphosat-Klagen endgültig abweisen. Am Markt bestehen an einer konzernfreundlichen Entscheidung (von einem Urteil kann angesichts der Vorgeschichte schwerlich gesprochen werden) kaum Zweifel. Dies ist ein eindeutiger Vorteil einer Autokratie: Der Chef bestimmt, niemand wagt es zu widersprechen. Nach der Ad-hoc-Meldung sprang die Aktie am Freitag nach Handelsschluss nochmals um fünf Prozent. Wohlgemerkt: Man musste explizit den Retail-Handel in Frankfurt oder Stuttgart benutzen, Xetra war schon dicht.
Im Wochenverlauf stieg die Volatilität bei Bayer nochmals deutlich an – in der Spitze auf 76 Prozent – ein Novum für einen soliden DAX-Titel in einem intakten Aufwärtstrend. Als Konsequenz konnten verbliebene Stillhalterpositionen nicht angepasst werden. Stattdessen wurden vorsichtig bestehende Long-Call-Optionen glatt gestellt. Neupositionierungen sind kurzfristig wenig zielführend, weil hoch spekulativ. Sobald die Volatilität wieder unter 50 Prozent sinkt, wird die Handelsstrategie mit defensiven Spreads fortgesetzt.
Auch die RWE-Aktie hat eine spektakuläre Handelswoche hinter sich. Auch hier sind die Preisanpassungen wesentlich newsgetrieben.
- RWE erhält eine Lizenz zum Bau und Betrieb der Offshore-Windfarmen Norfolk Vanguard East + West, vor der britischen Küste. Einnahmen für den britischen Staat: 3.2 Mrd. €.
- KKR (Beteiligungsgesellschaft) erwirbt eine 50 %ige Beteiligung an der RWE-Betreibergesellschaft, zahlt sofort 1,8 Mrd. € und verpflichtet sich, bis 2030 15 Mrd. € in die Windparks zu investieren.
- Die Aktie steigt um 3,5 %.
- RWE wird jährlich 1 Million Tonnen texanisches LNG importieren. Der Vertrag läuft über 20 Jahre.
- Die Bank of America erhöhte daraufhin das Kursziel für die Aktie auf 59 €.
- Nach der beeindruckenden Kursrallye senkt ISS EVA seine Einschätzung auf »Hold«. ISS ist eine renommierte Finanzanalyse-Plattform, EVA steht für die »Economic Value Added«-Analysemethode. Danach hat die Aktie kein weiteres Kurspotenzial.
Der 5-Jahreschart zeigt die aktuelle Preisdynamik für die RWE sehr deutlich. Im letzten Jahr hat sich der Aktienpreis verdoppelt. Das ist für einen »langweiligen« Versorger sehr ungewöhnlich. Hinzu kommt: Trotz des dynamischen Preisverhaltens ist die Volatilität konstant bei 22 Prozent. Der Preisanstieg ist – anders als bei Bayer – nicht durch die Optionsmärkte getriggert, es gibt keine ungewöhnliche Spekulation mit der Aktie.
Die Abb. 4 zeigt (positiv) eine steigende (Eigen-) Kapitalkurve (Blau). Die hohen Investments gehen nicht zu Lasten des Kapitalstamms.
Der rote Balken zeigt den Zuwachs des EVA im Zeitraum des Balkens. Dabei wird ein zukünftiges Nullwachstum angenommen. Die Zukunftskomponente stellt der graue Balken dar. Ein negativer FVA ist eine Indikation für
die Skepsis der Finanzmärkte – ein klassischer Kontraindikator. Aktuell machen die Marktteilnehmer ihren Frieden mit den Preisanpassungen der Aktie, niemand muss sich mehr eindecken. Gleichzeitig sinkt gemäß EVA die
Ertragskomponente.
ISS EVA sagt: Genug ist genug. Es war eine tolle Rallye, nun ist es an der Zeit, einmal inne zu halten. In der Abb. 5 ist dies noch mal zusammengefasst. Das deutlich negative »EVA-Momentum« (schwarz) zeigt den Bedarf für eine Konsolidierung der Aktie.
Im Zuge der Rallye ist die Handelsstrategie immer mehr »zerbröselt«. Nach dem Motto: Verluste einhegen und Gewinne laufen lassen, ist die Positionierung inzwischen gehebelt direktional. Diese Direktionalität wird abgebaut. Wegen der weiterhin starken Trenddynamik werden (noch) keine Stillhalterspreads aufgebaut. Da die Volatilität weiterhin niedrig ist, ist der Zeitwertverfall der spekulativen Long-Call-Positionen unerheblich. Die Rejustierung auf eine langweilige Trendfolge Allocation steht nicht unter Zeitdruck oder Terminzwängen.
Auf dem aktuellen Preisniveau ist die RWE-Aktie kein attraktiver Dividenden-Titel mehr. Im Mai wird eine Ausschüttung von 1,2 € pro Aktie erwartet: eine Dividendenrendite von 2,1 % p. a. Kapitalzuflüsse in Erwartung einer attraktiven Ausschüttung dürften 2026 eher dürftig sein. Auch diese Betrachtung stützt die Annahme konstanter Marktpreise für die absehbare Zukunft.
Anmerkung zu den Handelssystem-Schaufenstern
Die Schaufenster geben aktuell nur Kennzahlen und Wertentwicklung von Stillhalterpositionen wieder.
Das ist wegen der hohen Trenddynamik für das RWE und das Bayer-Handelssystem nicht aussagekräftig. In den nächsten Tagen werden auch begleitende Long-Positionen dargestellt. Ein Update zum Wochenende unterbleibt deshalb.
Europäischer AI-Stack
Vergangenen Montag fand ein denkwürdiges »Europe Calling« statt. Das Thema war: Empire of AI. Mit dabei waren die Autorin des gleichnamigen Buchs, der Geschäftsführer des Optoelektronik-AI-Startups Q.Ant aus Stuttgart und die Grüne Europaabgeordnete Alexandra Geese. Das bisher hochkarätigste Europe Calling (youtube-link) überhaupt! Die Diskutanten arbeiteten die aktuelle Machtkonzentration der USA nebst den Auswirkungen auf den technischen Fortschritt heraus. Tatsächlich versuchen die Technologiegiganten massiv Entwicklungen auszubremsen, die ihre gigantischen Investments entwerten könnten. Also alles, was energieeffizienter ist, die Ausführungen massiv beschleunigt oder eine Gefahr für Nvidia darstellt. Der US-AI-Stack ist auf die Nvidia-Dinosaurier zugeschnitten, die gerade massenhaft produziert werden. Q.Ant zeigt konkret, wie der Energieverbrauch um Größenordnungen gesenkt werden kann und gleichzeitig die Verarbeitungsgeschwindigkeit steigt. Sie sind auf einem identischen Entwicklungspfad, wie die im Wochenbericht Zwischen den Jahren vorgestellte chinesische optische LLM-Alternative LightGen. Der Unterschied: In China stehen den Forschern umfangreiche Finanzierungen und Manpower zur Verfügung, in Deutschland kämpft sich ein kleines StartUp mühsam gegen die vereinte Front der US-Technologiegiganten in den Markt.
Und dennoch besteht Anlass zum Optimismus. Denn: Die nächste AI-Revolution findet in der Fabrikhalle statt.
Die Zukunft der Künstlichen Intelligenz wird dort, wo Dinge physisch hergestellt und bewegt werden ausgerollt: in Fabriken, Kraftwerken und bei Robotern.
Von Texten zu Maschinen
Bisher kennen wir AI vor allem als Chatbots und digitale Helfer:
- Sie schreiben Texte
- Sie fassen Informationen zusammen
- Sie machen Vorschläge
Es ist nicht schlimm, wenn diese AI mal einen Fehler macht oder etwas “erfindet”. Niemand kommt zu Schaden, wenn ein Chatbot sich irrt.
AI, die wirklich etwas bewegt
Die nächste Phase ist grundlegend anders. Industrielle KI ist deterministisch:
- Ein Roboterarm darf nicht halluzinieren.
- Ein Stromnetz kann nicht raten.
- Eine Fabrik kann nicht »fast« funktionieren.
- Ein Drohnenschwarm kann nicht probabilistisch sein.
Die Stunde Japans und Europas
Die USA sind zwar stark bei der AI-Software (wie ChatGPT), aber Europa und Japan haben seit Jahrzehnten das Know-how in der Industrie- und Fertigungstechnik.
Europa und Japan sind Weltmeister in:
- Präzisionsmaschinen
- Fabrikautomation
- Robotertechnik
- Sensoren
- Energienetzen
Was fehlt? Genau: China
| Region | Schwerpunkt | Beispiele & Merkmale |
|---|---|---|
| USA | Probabilistische AI | Consumer-LLMs, Cloud-Plattformen, Produktivitätssoftware. |
| China | Efficiency AI | Infrastruktur-Skalierung, kostenoptimierte Modelle, Fertigung in großem Maßstab. |
| Europa & Japan | Deterministische AI | Robotik (Siemens, ABB, Fanuc, Yaskawa) |
| Sensoren (Keyence, STMicro), | ||
| Stromnetze (Schneider Electric), Fabrikautomation, Verteidigungsautonomie (Hensoldt). |
Die USA bauen die “Gehirne”, aber Europa und Japan entwickeln “Hände und Arme”, die diese Gehirne in der realen Welt einsetzen können. China ist der Elefant im Raum.
So könnte ein europäischer AI-Stack gestaltet werden:
Diese Einordnung bereitet die Auswahl neuer Basiswerte für Optionshandelssysteme vor.