Schöne neue Welt
Welchen Entwicklungspfad schlägt die Welt angesichts der Fortschritte bei der künstlichen Intelligenz ein? Werden die US-Technologie-Giganten mit ihrer absoluten Kapitalmacht noch dominanter – oder bieten sich sogar Mittelständlern ganz neue Perspektiven, Produktivitätsfortschritte zu erschließen, ohne sich in eine digitale Knechtschaft zu begeben? OpenClaw könnte zum Werkzeug der Stunde werden, ein digitaler Katalysator für eine Emanzipation gegenüber den US-Monopolisten.
Unternehmensanleihen mit 100 Jahren Laufzeit
2025 verdiente der Alphabet-Konzern (nach Steuern) 113 Mrd. $, ein Drittel mehr als im Vorjahr. Die Investitionen (hauptsächlich in Datacenter) verdoppelten sich gegenüber dem Vorjahr. Für 2026 kündigte der Konzern an, 185 Mrd. $ wiederum hauptsächlich in Datacenter zu investieren.
Selbst wenn der Gewinn noch mal um ein Drittel steigt, übersteigen die geplanten Investitionen den Ertrag um 35 Mrd. $. Die Differenz kann man über die Hausbank finanzieren, man kann Aktien ausgeben und das Eigenkapital erhöhen oder man begibt eine Anleihe. Alphabet entschied sich für Letzteres.
Das Besondere: Der Konzern finanziert Investments, die sehr schnell abgeschrieben werden mit einer im Jahr 2126 fälligen Anleihe. Das erlebt definitiv niemand, der aktuell an der Entscheidungsfindung beteiligt war und auch niemand, der die Anleihe nun zeichnet. Es ist auch völlig unklar, ob es den Konzern in 100 Jahren noch gibt.
Die Anleihe wird auch nicht in US-Dollar sondern in Britischen Pfund nominiert. Das gibt immerhin einen Hinweis auf die Ratio hinter der Emission. Alphabet zapft damit die Vermögen britischer Pensionskassen an. Diese müssen langfristige Zahlungsströme nachweisen. Ein Handel im Sekundärmarkt ist vermutlich gar nicht vorgesehen; für Normalsterbliche sind die Tranchen ohnehin zu groß.
Interessant ist, wann in der Vergangenheit Unternehmen Anleihen mit derart langen Laufzeiten emittierten.
- Disney (1993): emittierte eine 100-jährige Anleihe, die als Sleeping Beauty Bond bekannt wurde.
- Coca-Cola (1993): ähnlich wie Disney, nutzte das Unternehmen die günstigen Konditionen für einen Century Bond.
- IBM (1996): emittierte auf dem Peak des Dot.Com-Booms der 90er.
- Motorola (1997): emittierte kurz vor dem Platzen einen Century-Bond, die Firma wurde seitdem mehrfach umbenannt, verkauft und umstrukturiert.
- die Century-Bonds der 1990er sind nicht handelbar, werden aber bedient.
- bis auf Motorola sind die Unternehmen auch heute profitabel.
Insgesamt lastet ein Fluch über Century-Bonds. Sie werden stets vor einer ökonomischen Zäsur emittiert. Sie werden gemeinhin als starken Hinweis auf die Reife einer Entwicklung gedeutet. Für Aktionäre ist eine solche Emission ein Verkaufsargument. Man kann mit absoluter Sicherheit später wieder günstiger in den Titel zurückkehren.
Der Chart ist diesbezüglich recht aussagekräftig.
Handelsblatt im ClawBot-Fieber
Es verging in der vergangenen Woche kein Tag, an dem das ehrwürdige Handelsblatt keinen Schwerpunktartikel zum Thema AI im Allgemeinen und OpenClaw im Besonderen veröffentlichte. Die Reporter sind offenbar schwer begeistert und nehmen ihre Leser gern mit auf die Reise.
Ganz anders die (ebenfalls ehrwürdige) Financial Times. Dort ist »Business as usual«. OpenClaw ist ein Randthema. Man beleuchtet die Risiken von AI insbesondere unter dem Investment-Aspekt.
Die FT berichtet exklusiv über die Strategie Microsofts, den Büroarbeitsplatz radikal zu verändern. Microsoft will bis Ende 2027 autonome Agenten für Standard-Office-Prozesse anbieten. Unternehmen haben dann die Auswahl: Einen Buchhalter beschäftigen (Kosten: ab 130 K€/a) oder für 15 k€ pro Jahr die Buchhaltung dem Microsoft-Agenten zu übertragen und den Abteilungsleiter zusätzlich zur Prüfung der Ergebnisse zu verpflichten. Das ist das Äquivalent der Rationalisierungen in der ersten industriellen Revolution.
Gibt es Zweifel an der Microsoft-Strategie? Jede Menge. Je weiter man ins Detail geht, desto unwahrscheinlicher wird eine Umsetzung, zumindest in Europa. Andererseits sind die Fortschritte in diesem Bereich aktuell aberwitzig, etwas auszuschließen, weil wir es uns unmöglich vorstellen mögen, wäre töricht.
Deshalb ist die Microsoft-Aktie auf Sicht von 24 Monaten aktuell höchstwahrscheinlich ein klarer Kauf.
AI – Die Disruption nimmt Gestalt an
Im Wochenverlauf sind die Indexmitglieder der Nasdaq erneut zwei Prozent preiswerter geworden. Die (ehemaligen) Magnificent Seven stehen weiterhin ganz oben auf den Verkaufslisten. Hier greift weiterhin das Argument, ein aktueller Investor kann nicht abschätzen, ob und wann sich die gigantischen Investitionen rentieren.
AI-Agenten, wie Claude Cowork oder auch OpenClaw übernehmen ganze Geschäftsprozesse. Die Technologiegiganten stecken
derweil ihre Claims ab.
Gemini-AI und ChatGPT haben sich
als jederzeit verfügbare Alltagshelfer etabliert. Google und OpenAI nehmen hier die Rolle von Alibaba und Tencent
im chinesischen Ökosystem ein. Hier fehlt allerdings eine wirksame staatliche Aufsicht. Die US-Technologiekonzerne
können frei schalten und walten.
OpenAI schaltet zukünftig Werbung. Da es seine Nutzer sehr gut kennt und üblicherweise neutrale Ergebnisse liefert, vertrauen viele Nutzer den Aussagen der Chatbots. Wenn der Bot nun die Frage nach der besten Haftpflichtversicherung mit einem Vorschlag beantwortet und auch gleich die Möglichkeit eines Abschlusses anbietet, benötigt man kein Vergleichsportal mehr, es erübrigt sich der Besuch eines Vertreters oder der Kauf eines Stiftung-Warentest-Hefts. Strenggenommen ist damit der klassische Versicherungsvertrieb beerdigt, es gibt zukünftig nur noch Direktversicherungen. Gleiches gilt für die Anlageberatung. Ein Chatbot kann sehr zielgerichtete Investmentdepots erstellen und genießt eine größere Glaubwürdigkeit, als ein Bankmitarbeiter, der provisionsbasiert Vorschläge unterbreitet. Die Werbeplätze bei OpenAI kosten genau deshalb drei- bis viermal so viel, wie Werbung in sozialen Netzen oder auf Suchmaschinen.
Im B2C-Bereich steuert die Welt auf chinesische Verhältnisse zu. Zwei absolut dominante Betreiber von Super-Apps bestimmen über Investments und Konsumentscheidungen.
War AI bis zum Jahreswechsel investorenseitig mit unbegrenzten Perspektiven verknüpft und ein massiver Kurstreiber, hat sich das nun komplett gedreht. Jede Investmententscheidung wird hinterfragt und auf ein mögliches Disruptionspotenzial hin abgeklopft. Das Ergebnis ist selten eindeutig – wenn sich ein charttechnisches Verkaufssignal zeigt, springen viele drauf und verstärken den Trend. Hohe Bewertungen in den USA und die wachsenden Risse in der Trump-Administration tun ihr Übriges.
Claw Bots to the Rescue
Auch
Das ist natürlich faszinierend – wir können die Euphorie der Journalisten des Handelsblatts durchaus nachvollziehen.
Interessant sind die Perspektiven. Der Bot ist über Signal von überall erreichbar. Die Qualität der Aufgabenerledigung ist bereits in der Testphase vergleichbar mit der bekannter Chatbots. OpenClaw-Anfragen werden nicht von dem Anbieter des LLMs ausspioniert. Der Bot lernt im Betrieb genauso, wie Gemini oder ChatGPT, der Lernprozess ist jedoch transparent. Die Daten sind lokal auf dem OpenClaw-Computer gespeichert, nirgends sonst (außer im Backup).
Perspektivisch kann OpenClaw mit einem lokalen LLM verbunden werden. Die Effizienz der Open-Source-Modelle steigt aktuell im Wochenrhythmus. Man kann OpenClaw mit immer weniger leistungsfähiger (und preiswerterer) Hardware lokal betreiben. Das Privacy-Armageddon der Gegenwart könnte bereits sehr bald für die meisten Geschichte sein.
Das ändert nichts an der Disruptionsmacht von AI-Agenten, eröffnet aber selbst mittelständischen Unternehmen die Möglichkeit, mit vertretbarem Aufwand zu Großunternehmen identische Produktivitätsfortschritte zu erschließen dabei aber datenautonom zu bleiben. Ein lokaler Buchhaltungsagent, der das operative Geschäft managt, passt besser nach Europa, als ein Microsoft-Azure-Buchhaltungsagent, der von US-Geheimdiensten auf Geheiß des Präsidenten ausspioniert wird.
Fazit. Es ist sehr wahrscheinlich, dass AI-Agenten einen weiteren Monopolisierungsschub einläuten und auch in Europa bald chinesische Verhältnisse sein werden. Dann wären Apple, Google und OpenAI weiterhin globale Geldstaubsauger mit gigantischen Privacy-Risiken.
OpenClaw bietet andererseits insbesondere für Europa eine einmalige Chance, sich mit minimalen Kosten
von den Dienstleistungen der US-Technologie-Giganten zu emanzipieren.
Vom Erfinder von OpenClaw ist diesbezüglich leider nichts zu erwarten. Er ist offenbar in Verhandlungen mit einem US-AI-Unternehmen und wird dann den US-Weg maximaler Ausbeutung der Nutzer stützen.