Volatilität made in USA
Vor einem Jahr erklärte die USA dem Rest der Welt den Handelskrieg. Pünktlich zum Jahrestag
melden sich die obersten Richter des Landes und erklären die Nichtigkeit reziproker Zölle.
Sofort reagiert die US-Administration mit der Ankündigung neuer Strafzölle. Höchstwahrscheinlich
leitet dies eine Phase mit erneut hoher Volatilität und sinkenden Marktpreisen ein.
Außerhalb der USA finden Anleger deutlich stabilere Rahmenbedingungen und prosperierende
Volkswirtschaften. Was, wenn ausländische Investoren ihre US-Engagements deutlich zurückfahren,
Gewinne mitnehmen und z. B. europäische Assets kaufen? Die Entflechtung der Kapitalmärkte ist
kein trivialer Prozess und eine weitere Quelle potenziell stark erhöhter Volatilität.
US-Zölle – die unendliche Geschichte
Nun hat der Supreme Court also über die Rechtmäßigkeit von Zöllen entschieden. Nicht über alle, aber immerhin über unspezifische »reziproke« Zölle gegen eigentlich alle Länder der Erde, die die USA in den Augen von MAGA bösartig ausnutzen und hintergehen. Seit ihrer Einführung wurden geschätzt zwischen 150 und 250 Mrd. $ an die US-Treasury gezahlt. 90 Prozent davon wurden auf die Endverkaufspreise aufgeschlagen. Sowohl die New-York-Fed als auch das Kiel-Institut kommen zu dieser Einschätzung. Belastet wurden aber die Importeure. Diese mussten die Zölle an den US-Fiskus abführen.
Seit Freitag ist klar: Das war von Beginn an rechtswidrig.
Die obersten Richter einigten sich darauf. Ob die eingenommenen Gelder nun erstattet werden müssen – darüber steht nichts im Urteil.
Man konnte die Uhr danach stellen, bis die ersten Forderungen öffentlich wurden, die eingenommenen Zölle unverzüglich und automatisch zurück zu erstatten. Auch die Antwort der Steuerbehörde war erwartbar: Das ist technisch gänzlich ausgeschlossen. Theoretisch könnte die US-Steuerbehörde die eingenommenen Gelder auch an die Kunden der importierten Produkte auszahlen. Das ist allerdings: sehr theoretisch!
Heerscharen von Anwälten wittern Morgenluft: Je komplexer die Rückabwicklung, desto lukrativer die Mandate für die Rechtsverfolgung. Große Importeure konnten sich darauf vorbereiten. Cosco steht offenbar schon in den Startlöchern und will die gezahlten Zölle unverzüglich eintreiben. Die Hauptlast trägt weiterhin der Mittelstand. Dort hatte man im Vorfeld keine Ressourcen, sich auf den Tag X vorzubereiten und nun müssen auch noch hohe Anwaltskosten vorgestreckt werden. Bis zur Begleichung von Rückerstattungsforderungen können Jahre vergehen, vermuten die Redakteure der FT.
Bei Cosco, Walmart & Co dürften bald die Kassen klingeln. Sie können ihre Forderungen unverzüglich durchsetzen. Optimisten spekulieren, dass dies ein unerwartetes Konjunkturprogramm pünktlich zu den Midterms im November wird.
Die Trump-Administration ist gut auf das Verbotsurteil vorbereitet. Unmittelbar nach der Veröffentlichung zog der amtierende US-Präsident den »Plan B« aus der Tasche: 15 % Zölle auf alle Einfuhren ab Dienstag, 0:01 Uhr, begrenzt auf 150 Tage – völlig gesetzeskonform. Damit die bösen Exporteure im Ausland nicht frohlocken können, schob er gleich hinterher: Sektorbezogene Zölle wurden nicht verboten, da geht noch mehr. Hier wird die Trump-Administration die entgangenen Einnahmen aus reziproken Zöllen kompensieren.
Die Zoll-Spirale geht in die nächste Runde. Reziproke Zölle sind rechtswidrig, also weichen wir auf Alternativen aus. Die Botschaft an ausländische Handelspartner: Nichts ist so beständig wie der Wandel. Planungssicherheit? Vergesst es bei transatlantischen Geschäftsbeziehungen.
In den Medien wird das Gerichtsurteil, in dem die reziproken Zölle für gesetzeswidrig erklärt wurden, als »Überraschung« oder gar »Durchbruch« gewertet. Es spricht einiges für das Gegenteil. Die Trump-Administration hat dieses Urteil erwartet und führt nun die vorbereiteten Maßnahmen aus.
Es ist wieder Mitte Februar und die USA ziehen die Aufmerksamkeit der Finanzmarktakteure auf sich. Wie vor einem Jahr ist die Botschaft: Es lebe die Unberechenbarkeit.
Der Handel mit den USA bleibt hoch volatil. Bereits bisher konnte frohlocken, wer gute Beziehungen zur US-Administration aufgebaut hatte. Üppige Gastgeschenke sind die Eintrittskarte in die USA. Die Deutsche Telekom sponsert nicht von ungefähr den Bau des neuen Ballsaals im Weißen Haus.
Auf der Makroebene induziert das Gerichtsurteil eine neue Volatilitätsschicht. Das dürfte die Marktpreise grundsätzlich belasten.
Warum sind die USA überhaupt wichtig?
Seit der Inauguration von D. Trump im Januar 2025 hält sich
Die tiefere Ursache ist die »Net International Investment Position« (NIIP), ein Indikator, der den Unterschied zwischen US-ausländischen Vermögenswerten und ausländischen Vermögenswerten in den USA misst.
Vor 20 Jahren entsprach die amerikanische NIIP etwa 11 Prozent des BIP. Das bedeutet, dass der Wert amerikanischer Vermögenswerte im Besitz von Ausländern leicht höher war als der Wert ausländischer Vermögenswerte im Besitz von Amerikanern, nachdem man Handels- und Haushaltsdefizite, Verkäufe von US-Schuldtiteln und Renditen auf US- und Nicht-US-Vermögenswerte gegeneinander aufgerechnet hatte.
Heute sieht das anders aus. Die NIIP ist auf das Äquivalent von 91 Prozent des US‑BIP explodiert.
Anders ausgedrückt: US-Assets sind über die gesamte Welt verteilt! Internationale Investoren haben sich in den letzten beiden Jahrzehnten massiv in die USA eingekauft.
Welche Länder? Norwegen, China, Japan, Kanada, Südafrika und Schweden weisen beispielsweise große positive NIIPs auf: Sie haben Kapital in die US-Finanzmärkte gepumpt und maßgeblich zur Überrendite der US-Aktienmärkte beigetragen. Die EU als Ganzes ist nicht betroffen. Hier dominierte der transatlantische Handel, Vermögenswert-Allokationen spielen nur eine untergeordnete Rolle.
Zwischen 2019 und 2024 sind US-Aktienindizes um 83 Prozent gestiegen, während Nicht-US-Indizes nur um 9 Prozent zulegten. Ausländer, die US-Vermögenswerte hielten, erzielten hohe Vermögenszuwächse, Amerikaner mit ausländischen Anlagen gingen dagegen leer aus. Im Ergebnis ist die Welt massiv »long USA«.
Dies bedeutet im Umkehrschluss aber auch: Sollten die US-Aktienmärkte weiter weniger gut performen, als europäische oder asiatische Aktienmärkte, steht eine massive Kapital-Reallokation ins Haus. Die Fallhöhe ist beträchtlich.
Der Microsoft-CoPilot half bei der Einordnung: Ausländische Adressen halten US-Assets im Wert von ca. 25 Billionen Dollar. Die Anleihequote an der NIIP beträgt nur 10 bis 15 %. Das Kapital ist in US-Aktien angelegt. Falls es zu einer Rückabwicklung dieser Investments kommt, wäre der US-Aktienmarkt massiv betroffen. Die aktuelle Marktkapitalisierung des US-Aktienmarkts: 55 Billionen Dollar.
Die Netto-Auslandsposition (NIIP) der USA entspricht etwa der Hälfte des gesamten US-Aktienmarkts.
Nimmt man die aktuellen Börsenumsätze als Maßstab, würde eine Rückabwicklung der NIIP auf das Niveau der Jahrtausendwende ein ganzes Jahr dauern! (tägliches Handelsvolumen: 100–200 Mrd. $)
Es wäre sehr naiv anzunehmen, dass eine Rückabwicklung nur die Marktpreise in den USA verändern würde.
Jede erratische Maßnahme der US-Administration erhöht den »Druck im Kessel«, US-Positionen zu repatriieren. Von Gewinnmitnahmen ist schließlich noch niemand arm geworden. Gefühlt hat dieser Prozess längst begonnen. Die FT berichtet diese Woche von historischen Kapitalzuflüssen in europäische Aktienmärkte. In Japan läuft ein ähnlicher Prozess.
Die Kapitalzuflüsse betragen aktuell 10 Milliarden Euro pro Woche. Das drückt sich in einer Outperformance europäischer Aktienmärkte gegenüber den USA aus. Die NIIP baut sich aktuell noch nicht ab!
Die Zollpolitik der Trump-Administration ist auch ein Weckruf zur Repatriierung von US-Vermögenswerten.
Allein der »Handelsdeal« der USA mit Europa zeigt, dass die US-Industrie ohne hohe Zollschranken nicht wettbewerbsfähig ist. Innovationen gehen ausschließlich von den Technologiegiganten aus. Auch deren Pole-Position wird von chinesischen Konzernen infrage gestellt. Übrig bleibt imperialer Druck auf die Handelspartner, die als Kompensation immer höhere Gewinnmargen einfordern.
Die Bewertung der US-Finanzmärkte entspricht nicht mehr der ehemaligen hegemonialen Stellung der USA im Welthandel. Es ist nur folgerichtig, die Bewertungen an globale Standards anzupassen. US-Vermögenswerte sind ein klarer, strategischer »Sell«!
Solange dieser Prozess geordnet verläuft und sich patriotische US-Investoren finden, die den Ausländern ihre Aktien abnehmen, sind alle glücklich. Irgendwann wird aber auch US-Investoren klar, dass man besser außerhalb der USA investiert. Dann droht ein massiver Kapitalabfluss aus den USA und eine Neubewertung von US-Assets. In diesem Prozess dürften auch Assets außerhalb der USA deutlich preiswerter werden.
Bayer im Fokus
In der vergangenen Woche war die Bayer-Aktie erneut omnipräsent.
- Der Konzern bietet Glyphosat-Klägern einen Vergleich in Höhe von 7,2 Mrd. $ an.
- Glyphosat wird gleichzeitig per Dekret des US-Präsidenten als sicherheitsrelevante Ressource eingestuft und dessen Herstellung gefördert.
- Es wird in den nächsten Monaten ein Supreme Court Urteil zu den Sammelklagen gegen Monsanto (Bayer) erwartet. Die Trump-Administration möchte Bundesrecht stärken und den Gestaltungsrahmen von anderen Gerichten einschränken. Es wird kontrovers diskutiert, ob der Supreme Court den Föderalismus schwächen wird. Das ist nach dem Urteil gegen die Zollpolitik offener denn je.
Die Bayer-Aktie begab sich im Wochenverlauf auf Achterbahnfahrt. Im Bayer Handelssystem wurden die meisten Positionen geschlossen.
Falls die Sammelklagen in den USA ad acta gelegt werden könnten, stünde eine Aufspaltung des Bayer-Konzers ganz oben auf der Tagesordnung. Die Abspaltung der risikobehafteten Agrar-Sparte von der sehr gut aufgestellten Pharma-Sparte ist eine mittelfristige Preisstütze für die Aktie.
Mit einer defensiven, neutralen Position (Strangle) fühlen wir uns aktuell wohl.