The Mythy Jardines

Seit 2019 ist der Schotte Ben Kesweg Taipan der Jardines in Hongkong. 2020 gelang es, mit Lincoln Pan einen ausgewiesenen Private Equity-Experten einzuwerben. Rückblickend war das ein Geniestreich. Aus einem verkrusteten Kolonialwarenladen wurde binnen fünf Jahren ein dynamischer, zeitgemäßer Mischkonzern. Weiterhin ein waschechter Value-Titel mit einem ausgesprochen hohen Cashflow. Aber auch eine dynamische Wachstumsstory – so weit weg von trendigen AI-Themen, wie nur möglich.

Wochenbericht 9/26 Stuttgart, 28. Feb. 2026

Gleichschaltung in den USA

Bereits am 22. Februar erhöhte D. Trump den Druck auf Warner Brothers, endlich dem Übernahmegesuch von Paramount nachzugeben. Er forderte den Aufsichtsrat ultimativ auf, Susan Rice (Sicherheitsberaterin unter Biden, später UNO-Botschafterin der USA) unverzüglich auszuschließen. Die Frau wäre eine politische Besetzung seines Vorgängers, das würde er nicht länger tolerieren. Drei Tage später gab der Aufsichtsrat grünes Licht für die Übernahme. Netflix zog sich aus dem Bieterwettkampf zurück.

Damit wandern die wertvollen Serienrechte (z. B. Mission Impossible und Terminator) und auch CNN zu Paramount und landen quasi direkt in der Schatulle der MAGA-Bewegung.

Die Ausrichtung von CNN, dem global bekannten, liberalen Aushängeschild der USA, wird zukünftig von der Elliott-Familie bestimmt. Diese steht D. Trump sehr nah. Larry Ellison (der Patriarch) ist Gründer von Oracle. Er profitiert durch seine persönliche Freundschaft mit D. Trump maßgeblich von dessen Politik. Sein Sohn, David Ellison, ist Gründer und CEO von Paramount Skydance – und zukünftig auch von Warner Brothers (inkl. CNN). Er wird damit zu einem der mächtigsten Medienmanager der Welt, ein Rupert Murdoch des 21. Jahrhunderts.

Wie beim australischen Medienmogul kreuzen sich auch bei den Elliotts immer wieder Geschäfts- und politische Interessen. Larry Ellison gilt als enger Verbündeter des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu und ist einer der größten Einzelspender für die israelische Armee. Nach dem Beginn des Gazakriegs stellte Ellison seine Cloud- und Cybersicherheitsinfrastruktur zur Unterstützung Israels zur Verfügung.

CNN könnte das gleiche Schicksal erleiden, wie CBS. Im November 2025 hat Paramount unter David Ellisons Führung eine interne »schwarze Liste« von Hollywood-Persönlichkeiten erstellt, die als »feindlich gegenüber israelischen Interessen« angesehen werden. Das Unternehmen weigert sich, mit Künstlern zusammenzuarbeiten, die Israel kritisieren. Das gilt auch für Angestellte. So wurde beispielsweise die CBS-Auslandskorrespondentin Debora Patta, die ausführlich über den Krieg berichtet hatte, vor die Tür gesetzt.

Die Elliotts haben Paramount im Juli 2024 übernommen; die FCC genehmigte dies ein Jahr später. Seit August 2025 rollen bei CBS die Köpfe, das Programm nähert sich inhaltlich Fox News an. Die Absetzung mehrerer regierungskritischer Talk-Shows errang eine globale Aufmerksamkeit.

Die Genehmigung der Übernahme von Warner Brothers durch Paramount durch die FCC ist vermutlich nur eine Formsache. Es ist wahrscheinlich, dass die Trump-Administration diesen »Deal« durchzieht, um die mediale Meinungsmacht vor den Midterms im November zu sichern. Dann würde sich die Anzahl halbwegs liberaler Fernsehstationen auf zwei ((MS)NBC und ABC) reduzieren.

Die Ellison Familie positioniert sich als zentraler Stakeholder eines vertikalen Medienimperiums:

Komponente Beispiele Funktion im Imperium
Traditionelle Medien CBS News, CNN, Paramount Verleihen Legitimität, setzen den Rahmen für das, was als “seriös” und “ausgewogen” gilt
Unterhaltung Paramount-Filme, HBO Formen das emotional-Imaginäre der Öffentlichkeit: Wer wird humanisiert, wer ausgeblendet?
Algorithmische Plattform TikTok (US-Betrieb) Der Verstärker. Steuert die Verbreitung, erreicht junge Zielgruppen und kann Narrative in Echtzeit skalieren oder unsichtbar machen.

Politisierung von AI

Es war die wohl brisanteste Meldung der vergangenen Woche: Anthropic untersagte dem US-Militär die Verwendung seiner AI-Modelle für die Entwicklung autonomer Waffen und den Einsatz in Kriegsgebieten. Es folgt ein Wutausbruch des Präsidenten, eine Anordnung, Anthropic sei ein Lieferkettenrisiko und ein Dekret, das alle Regierungsbehörden anweist, sämtliche Lizenzverträge zu kündigen.

Hier die Chronik der Ereignisse von DeepSeek

In einem Treffen am 24. Februar 2026 forderte der US-Kriegsminister (Pete Hegseth) den Anthropic CEO Dario Amodei auf, bis zum 27. Februar 2026, 17:01 Uhr (Ortszeit) einer neuen Vereinbarung zuzustimmen. Diese sollte es dem Militär erlauben, den Chatbot Claude für “alle legitimen Zwecke” zu nutzen, also ohne die von Anthropic gesetzten Einschränkungen. Hintergrund ist, dass Claude das einzige KI-Modell ist, das in den klassifizierten Systemen des Pentagons verwendet werden darf. Das Verteidigungsministerium hatte Anthropic im Sommer 2025 einen mit bis zu 200 Millionen Dollar dotierten Vertrag für KI-Dienstleistungen zugesprochen.

Anthropic weigerte sich standhaft, die Nutzung von Claude für zwei spezifische Zwecke zu erlauben: Großflächige Überwachung von US-Bürgern und den Einsatz in vollständig autonomen Waffensystemen, die ohne menschliche Kontrolle angreifen können. CEO Amodei bekräftigte diese Haltung auch nach dem Treffen mit Hegseth öffentlich: Die Drohungen des Pentagon würden die Unternehmenspolitik nicht ändern.

Da Anthropic nicht nachgab, erhöhte das Pentagon den Druck: Sollte das Unternehmen bis zum Ultimatum nicht einlenken, würde man Anthropic als “Lieferkettenrisiko” einstufen. Diese Bezeichnung ist eigentlich für (feindliche) ausländische Firmen, wie Huawei, reserviert und hätte zur Folge, dass alle Verteidigungsauftragnehmer wie Boeing oder Lockheed Martin keine Geschäfte mehr mit Anthropic machen dürften. Zudem drohte das Pentagon damit, den Defense Production Act anzuwenden, ein Gesetz aus dem Kalten Krieg, das den Präsidenten ermächtigt, Unternehmen in nationalen Notfällen zur Produktion bestimmter Güter zu zwingen.

Nachdem das Ultimatum verstrichen war, griff Präsident Donald Trump persönlich ein. Auf seiner Plattform Truth Social ordnete er am 27. Februar 2026 an, dass alle Bundesbehörden die Nutzung von Anthropics Technologien sofort einstellen müssen. Gleichzeitig stufte das Pentagon Anthropic als “Lieferkettenrisiko” ein. Betroffene Behörden erhielten eine sechsmonatige Übergangsfrist, um die Dienste des Unternehmens zu kündigen.

OpenAI sprang ein und gewährte dem US-Militär die gewünschten Rechte.

Einige europäische Kunden von OpenAI haben öffentlich ihre Verträge gekündigt. In den USA ist es vermutlich umgekehrt. Allein aus Gründen der Staatsräson wechselt man dort von Anthropic zu Gemini, ChatGPT oder dem CoPilot von Microsoft. Preiswerte und energieeffiziente chinesische Open-Source-Modelle sind diesseits wie jenseits des Atlantic (noch) höchstens Nischenprodukte.

Für die kommende Woche hat DeepSeek eine neue Version seines AI-Modells angekündigt.

Das Besondere: Es ist das erste chinesische Modell, das ausschließlich auf lokaler Hardware trainiert wurde, also komplett ohne ASML zur Chipproduktion und NVIDIA, AMD oder Intel-Chips auskommt.

Das könnte bei den US-Hyperscalern erneut zu Schockwellen führen und die Wertwahrnehmung dieser Modelle verändern.

Nvidia: Erschöpfung

Das wertvollste Unternehmen der Welt veröffentlichte in der vergangenen Woche Quartalszahlen.

Nvidia shares fell on Thursday after blockbuster earnings and a bullish forecast failed to dispel fears over the durability of an AI boom that has transformed the chipmaker into the world’s most valuable company.

FT Berichterstattung über die Nvidia Quartalszahlen

Auf Deutsch: Nach überzeugenden Quartalszahlen (nach Börsenschluss) setzten am Folgetag Verkäufe ein.

Dieses Muster kennzeichnet die Aktie bereits seit einiger Zeit, wie folgende Zusammenstellung zeigt, die auch der FT entnommen ist.

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Abbildung 1: Preisreaktion der Nvidia-Aktie nach Quartalszahlen. (Quelle: FT)

Es ist beinahe eine Regel, dass die Aktie umso mehr am Folgetag sinkt, je besser die Quartalsergebnisse ausfielen. Das sind Gewinnmitnahmen, keine Frage, und problemlos, wenn die Aktie in einem stabilen Trend notiert.

Der Aktienkurs von Nvidia stagniert seit August 2025; Aktien kosten zwischen 170 und 200 $ das Stück. Aktionäre erhalten trotz Rekordgewinnen nur eine symbolische Dividende von 1 ct pro Quartal.

Das Monopol von Nvidia für AI-Grafikprozessoren wird zunehmend infrage gestellt. AMD bringt sich mit preiswerten Consumer-Modellen in Stellung, die für die meisten AI-Anwendungen ausreichend sind. Google setzt inzwischen vollständig auf eigene Prozessoren und aus China rollt perspektivisch eine Armada preiswerter Chips auf westliche Konsumenten zu. Hinzu kommt: Die aktuelle Politisierung der großen US-AI-Modelle fördert den Trend, dass Unternehmen sich eine eigene AI-Infrastruktur aufbauen und Cloud-Services meiden.

Es zeichnet sich ein Szenario ab, das große AI-Datacenter mindestens in Europa, Indien und China obsolet macht. Hieronymus ist gespannt, wie der militärisch-industrielle Komplex in den USA den Rest der Welt zwingen wird, die Profitabilität der Daten-Dinosaurier zukünftig sicherzustellen.

Mythy Jardines

Im November 2025 verglich Hieronymus die Jardines mit der heimischen Siemens. Der Aktienpreis für Siemens-Aktien hat sich seitdem in Summe nicht verändert. Bei den Jardines ist der Trend vollkommen in Takt.

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Abbildung 3: Preisentwicklung der Siemens und Jardines (blau) im Vergleich

Beides sind Mischkonzerne. Das war’s allerdings an Gemeinsamkeiten. Siemens ist industrienah aufgestellt und trennt sich von allen nicht-industriellen Sparten (Chips, Energie, Gesundheit). Die Jardines stellen sich unter dem neuen CEO strategisch neu auf und veräußern allenfalls Einzel-Assets.
Siemens gehört zu den dividendenstärksten Unternehmen im DAX. Jardine Matheson hat die gleiche Position im SGX, dem Blue-Chip-Index in Singapore. Der Aktienpreis von Siemens ist seit 2020 in einem Aufwärtstrend. Der Preis für Jardines-Aktien stagnierte bis 2015. Seitdem ist die Trenddynamik hoch. Das zeigt ein langfristiger Chart.

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Abbildung 4: Preisentwicklung (15 Jahre) der Siemens und Jardines (blau) im Vergleich

Was ist die tiefere Ursache der jüngsten Preisentwicklung, gibt es Hinweise auf eine Erschöpfung der Trenddynamik?

In der letzten Woche wurde die Börsennotierung der Hotelkette Mandarin Oriental eingestellt. Die Firma ist vollständig mit dem Mutterkonzern verschmolzen. Der Blick auf die Fundamentaldaten zeigt einige Ungereimtheiten, die einen Blick hinter die Kulissen erlauben.

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Abbildung 4: Bandbreite der KGV-Werte in den Fundamentaldaten der Jardine Matheson:

Dröseln wir die KGV-Angaben ein wenig auf.

  • KGV: 35: Durchschnittliches KGV der letzten 5 Jahre, basierend auf laufenden Gewinnen.
    Die Jardines sind immer teuer!
  • KGV: 142: Aktuelles KGV auf Basis des bereinigten Basisgewinns (ohne Kapitalmaßnahmen).
    Aktuell sind sie (wegen der Preissteigerung der Aktie) besonders teuer.
  • KGV: 238: Aktuelles KGV, Gewinnermittlung unter Einbeziehung von Kapitalmaßnahmen.
    Kapitalmaßnahmen drückten den Gewinn, rechnerisch steigt das KGV auf astronomische Größen.
  • KGV: 6: Niedrigstes bereinigtes Basis-KGV innerhalb der letzten 12 Monate.
    Vor 12 Monaten war die Aktie historisch günstig.

Die Kapitalmaßnahme ist der Rückkauf der Mandarin-Oriental. Der hat das Ergebnis belastet. Das erklärt den absoluten Ausreißer beim aktuellen KGV. Hinweis: Finanzportale weisen 238 als aktuelles KGV aus. Das führt in die Irre, die Aktie findet sich wohl nicht in AI-generierten Aktienauswahllisten.

Die Bilanz weist einen außergewöhnlich hohen operativen Cashflow aus: 363 % (10 $ pro Aktie). Hier winkt möglicherweise eine Sonderausschüttung! Wobei: Das Unternehmen weist historisch hohe Cashflows aus (Cashflow basierend auf dem Durchschnittsergebnis der letzten 5 Jahre: 9,2 %). Das sind Traumzahlen eines reinrassigen Value-Werts. Ein Teil der »Jardine-Story« ist definitiv das aktuelle Comeback von erstklassigen Value-Titeln!

Bleibt die Suche nach den Triebkräften der aktuellen KGV-Explosion. Auch wenn die KGVs aktuell wegen niedriger Vorjahresgewinne aufgebläht erscheinen, muss es »Begründungen« für den dynamischen Trend für diesen Value-Titel geben.

Hier müssen wir raten. Wahrscheinlichster Kandidat ist Hongkong Land, die Immobilientochter der Jardines. Diese steuert 25 % des Gesamtertrags des Unternehmens bei. Dort ist die Transformation der Jardines unter dem neuen CEO deutlich sichtbar. Hongkong Land ist in das Asset-Management eingestiegen und erfolgreich den Singapore Central Private Real Estate Fund aufgelegt (Volumen: 8 Mrd. $). Hongkong Land ist damit direkte Konkurrenz zur Haw Par, die diese Strategie bereits seit Jahrzehnten verfolgt. Außerhalb Singapurs konzentriert man sich auf das Ultra-Luxus-Segment. Diese Strategie passt zum Image der Hotelkette Mandarin Oriental. Man tritt zusätzlich als Verwalter von Gewerbeimmobilien auf. In diesem Segment ist die Kapitalintensität gering und die Marge höher als bei selbstverwalteten Gebäuden.

Als letzter Puzzle-Stein kommt das Aktienrückkaufprogramm der Jardines zum Tragen. Der neue CEO hat die niedrigen Notierungen in 2023 und 2024 für umfangreiche Aktienrückkäufe genutzt. Die Aktie ist aktuell einfach knapp. Die neue Wertwahrnehmung der Jardines verstärkt diesen Effekt.

Die Attraktivität ist möglicherweise auch der Verzerrung der Fundamentaldaten geschuldet. Schließlich verweigert sich die Aktie allen systematischen Filtern, man muss die Einzelteile trotz Automation manuell zusammensetzen. Da sich die Kennzahlen absehbar wieder normalisieren, ist eine Aktiennachfrage durch AI-gestützte Investitionsalgorithmen absehbar. Hieronymus sieht keine Trendumkehr am Horizont.