Zeitalter der Barbarei
Wer dachte, die Menschheit als Ganzes sei lern- und entwicklungsfähig, muss spätestens jetzt seinen Fehler eingestehen. Eine Gruppe korrupter, selbstverliebter und faschistoider Männer hat sich erneut die Schalthebel der Macht gesichert. Frei nach dem Motto »Mein Wille geschehe« werden regionale Kriege angezettelt um das eigene Ego zu befriedigen, alte Rechnungen zu bezahlen oder auch einfach Männerfreundschaften zu besiegeln. Sie hinterlassen eine Schneise der Verwüstung und senden eine klare Botschaft: Alles was sich uns in den Weg stellt, sich nicht unterordnet, wird zerstört.
Woche Eins des Krieges Israels und der USA gegen den Iran
Ein Traum geht in Erfüllung. Seit über 40 Jahren versucht Benjamin Netanyahu einen Verbündeten für einen Angriff auf den Iran zu finden. Im Jahr 2026 gelingt es ihm, Donald Trump zu überreden, dem Iran formal den Krieg zu erklären und umfassend anzugreifen. Die Ziele Israels sind klar: Je instabiler der Mittlere Osten ist, je mehr die muslimischen Staaten mit sich selbst beschäftigt sind, desto besser. Die Ziele der USA sind unklar. »White House Astrologen« haben gerade Hochkonjunktur.
Die aktuelle Ausgabe des Spiegels ordnet die Ereignisse umfassend und mit ausreichender Tiefe ein.
Das Ziel (von Israel und dem Iran) sei es, den Krieg möglichst auszuweiten und so viele Länder wie möglich in Mitleidenschaft zu ziehen. Netanyahus Kalkül: Chaos in der Region, Destabilisierung, so kann Jerusalem seine Vorherrschaft ausbauen. Das Kalkül Teherans: dem Westen wehtun, sich der eigenen Stärke versichern.
Der Spiegel 11/26, Seite 11: Wüterich
Ex-Außenminister Joschka Fischer meldet sich im Handelsblatt und konstatiert »Donald Trump ist ein Symbol für den Niedergang Amerikas«. Der Deutschlandfunk breitet die Geschehnisse gewohnt in aller Komplexität aus. Herauszuheben sind der aktuelle Politikpodcast und die neue Folge des Podcasts Amerika verstehen.
Nach einer Woche Krieg lichten sich die Nebelschwaden der Propagandaschlacht der ersten Kriegstage und es ist möglich, faktenbasiert zu werten und zu entscheiden.
Konjunkturelle und finanzmarktrelevante Konsequenzen
Im Podcast »Amerika verstehen« greift sich Volker Depkart (Uni Regensburg) an den Kopf und postuliert: »Die USA hätten gerade ihren außenpolitischen Kompass verloren«. Krieg war nie ein akzeptiertes Mittel der US-Politik, so Depkart. Stattdessen hätten die USA im 20. Jahrhundert stets von »höheren Zielen« leiten lassen, insbesondere Staaten vor dem Kommunismus zu bewahren (Vietnam, Chile, Brasilien) und später vor muslimischen Hardlinern (Libyen, Afghanistan). Sie haben sich niemals von befreundeten Staaten »vor den Karren spannen lassen«, wie diesmal.
Der aktuelle Kriegsgang gleicht in einigen Aspekten dem Beginn des Vietnamkriegs. Auch damals dachte man, den Kampf gegen die Rebellen von Ho Chi Minh mit der stärksten Armee der Welt mit einem Handstreich gewinnen zu können. Der Iran hat sich zuletzt im Iran/Irak-Krieg sehr verlustreich, aber letztlich erfolgreich gegen eine US-geleitete Invasion behauptet. Die irakische Armee hatte in diesem Bruderkrieg eine Rolle eingenommen, die aktuell offenbar den dortigen Kurden zugedacht ist.
Der Iran/Irak-Krieg dauerte von 1980 bis 1988 und kostete mehreren Hunderttausenden Menschen (350.000 – 500.000) das Leben, stabilisierte letztlich das Mullah-Regime und begründete die heutigen gesellschaftlichen Strukturen im Iran. Es ist schwer vorstellbar, dass die Bevölkerung im Iran sich nun D. Trump unterwirft.
Auch im Verlauf des Iran/Irak-Kriegs war die Passage aus dem Roten Meer zeitweise gesperrt. Auch damals führte die USA Tanker-Geleitzüge an und schützte so die Öltanker vor iranischen Attacken.
Die konjunkturellen Auswirkungen des Iran/Irak-Krieges waren überschaubar. Die Versorgung der Welt (insbesondere der USA) mit Öl dominierte den Diskurs. Die Welt arrangierte sich rasch mit der Instabilität im Mittleren Osten.
Darauf hoffen aktuell auch die meisten.
Sie vergessen, dass die Golfstaaten heute viel enger in die globalen Waren- und Finanzströme eingebunden sind. Iran ist zudem Meister im Bau »fliegender Rasenmäher«, die mit Bomben beladen unglaublich hohe Schäden anrichten und nur zu ungleich höheren Kosten effektiv bekämpft werden können. Das zeigt sich aktuell bei den Angriffen auf US-Basen in den Golf-Staaten, wo Blindgänger LNG-Terminals, Ölraffinerien oder auch Bürokomplexe sowie Datacenter beschädigen.
Zweite Chance für Solar und Windkraft
Es fühlt sich an, wie eine Zeitschleife. Israel züngelt in seiner Nachbarschaft, der Transport von Kohlenwasserstoffen aus der Golfregion stockt – und die Benzin- und Gaspreise schnellen in die Höhe. Autofahrer und Gasheizungsbesitzer schlagen Alarm und die Politik denkt sich irgendwelche Subventionen aus, um das Wahlvolk zu beruhigen. Dann steigt die Inflation, die Konjunktur lahmt und wieder ist der Staat als Marktstütze unersetzlich.
Anders als 1980 existieren heute erprobte (elektrische) Alternativen, sowohl für die Mobilität als auch die Wärmeversorgung.
Konservative Kräfte lieben bekanntlich Lösungen der Vergangenheit. Sie verhindern in weiten Teilen Europas die Abkehr von fossilen Energieträgern. Aktuell sind die sozialen Medien voll mit Berichten von elektromobilen Zeitgenossen, die vorrechnen, wie preiswert sie gerade unterwegs sind.
Je länger sich der Krieg im Iran hinzieht, desto attraktiver ist ein Wechsel zu Elektrofahrzeugen und Wärmepumpen. Das kann auch ein fossil geleitetes deutsches Wirtschaftsministerium kaum mehr verhindern.
Positiver Nebeneffekt der erneuten Unruhe im Mittleren Osten sind deutlich verbesserte Perspektiven für die Solar- und Windkraftindustrie, inklusive Speichertechnologien und industrieller Wasserstoffwirtschaft.
Am Freitag veröffentlichte Qatar Energy eine Note, in der das Unternehmen mit drastischen Worten die Konsequenzen für die Gasförderung beschrieb. Zuvor hatte die Gesellschaft »force majeure« ausgerufen und die Bedienung von Lieferverpflichtungen wegen höherer Gewalt ausgesetzt. Qatar Energy prognostizierte, dass die Förderung für Wochen oder gar Monate unterbrochen sei, die Schäden durch iranischen Beschuss seien zu umfangreich, Ersatzteile seien kurzfristig nicht beschaffbar. Daraufhin stieg der Ölpreis deutlich an. Am Samstag folgte Kuwait Petroleum Corporation diesem Beispiel. Dort sind Öl- und Gas-Terminals betroffen.
Die iranische politische Führung sagte den angrenzenden Staaten zwar zu, künftig keine Öl- oder Gasförderanlagen mehr anzugreifen. Sie beharrte aber auf ihrem Recht, US-Basen zu attackieren. Zudem sind die Streitkräfte des Iran dezentral organisiert. Sie agieren autonom gemäß lange ausgearbeiteter Gefechtspläne. Je umfangreicher die Zerstörungen im Iran, desto autonomer agieren die Einheiten, desto wahrscheinlicher sind weitere Angriffe auf die »kritische Infrastruktur« von Nachbarstaaten, die US-Basen auf ihrem Staatsgebiet dulden.
Was bleibt:
- ein nachhaltiger Druck auf Öl- und Gaspreise,
- ein Ausdünnen des Kapitalstroms aus den Golfstaaten (Petrodollar),
- höhere Inflation, geringere Investments in Europa und steigende Zinsen.
In der vergangenen Woche konnte man der Umkehr des Kapitalflusses zusehen. Während die US-Finanzmärkte schwankten, sich aber in Summe kaum veränderten, gaben die Aktienmärkte in Asien (insbesondere Japan und Korea) und auch in Europa deutlich nach. Der Euro wertete ab – es wurde im großen Stil »Kasse« gemacht.
Als Konsequenz hat sich die Charttechnik für viele Titel an den europäischen Börsen deutlich eingetrübt. Das ist auch auf Index-Ebene zu erkennen.
Der EuroStoxx hat den 12-monatigen Trendkanal zur Unterseite verlassen. Der DAX ist in die Tradingrange des Jahres 2025 zurückgekehrt. Die aktuelle Trenddynamik ist in beiden Indizes hoch. Für Deutschland steht viel auf dem Spiel. Sinkende Marktpreise bescheinigen der aktuellen Regierung mangelnde ökonomische Kompetenz bzw. eine Unfähigkeit, die anvisierten ökonomischen Reformen auszurollen.
Kaufen wenn die Kanonen donnern?
Diese Frage stellt sich angesichts gesunkener Marktpreise und signifikant gestiegener Volatilität erneut. Ketzerisch möchte man angesichts der Fülle kriegerischer Handlungen seit der Machtübernahme durch Donald Trump anmerken, dass dieser Indikator eigentlich kontinuierlich auf »grün« steht.
Spekulanten und Retail-Aktionäre haben gelernt, dass jeder Preisrückgang eher früher als später in eine “V”-förmige, dynamische Erholungsphase mündet. Diese Erfahrungen schützen aktuell vermutlich vor weitaus stärkeren Preisausschlägen.
Angesichts des einsetzenden Midterm-Wahlkampfes in den USA kann sich die Trump-Administration eigentlich
keine sinkenden Aktienmärkte leisten. Viele spekulieren deshalb darauf, dass sich die USA eher früher
als später aus dem Kampfgeschehen zurückzieht.
Europa und Asien »bezahlen« in diesem Fall für die Kriegsabenteuer der USA.
US-Aktienmärkte waren in der vergangenen Woche klare Outperformer.
Attraktive Optionsprämien
Die Unsicherheit über den weiteren Verlauf und die Konsequenzen des Iran-Kriegs äußert sich in einem scharfen Anstieg der impliziten Volatilität. Je höher die Volatilität, desto größer ist der Bedarf für asymmetrische Strategien. Der Kauf eines Puts sichert ein Portfolio effektiv gegen kurzfristige Preissenkungen ab: Je deutlicher der Preissturz, desto besser funktioniert die Absicherung.
Der Chart in Abb. 3 zeigt aber auch, dass Phasen mit hoher Volatilität kurzlebig sind. Je höher die
Volatilität, desto teurer sind Optionen. Das sind im Grunde ideale Rahmenbedingungen für den Stillhalterhandel.
Die Volatilität kann sich vom aktuellen Niveau aus nochmals verdoppeln, das zeigt ein Rückblick auf den April 2025.
Das wäre das Worst-Case-Szenario für eine neue Short-Position.