Die Wee-Story
Zwei Brüder wagen ihr Glück in der britischen Kolonie Singapore. Bereits nach wenigen Jahren ist »Tiger Balm« eine Weltmarke. Haw Par heißt das Unternehmen, benannt nach den Vornamen der Firmengründer. Die Erben bringen Haw Par an die Börse – und werden sofort Opfer von Finanz-Spekulanten. Ein Jahrzehnt später ist nicht nur die Firma weg, auch der Spekulant steht vor dem Kollaps. Es beginnt die Erfolgsgeschichte der Familie Wee. Kühn wird eine Übernahme eingefädelt und Haw Par wieder auf Kurs gebracht. Heute ist die Firma hochprofitabel und Dividendenaristokrat.
In den USA geht die MAGA-Horrorshow weiter. Stühlerücken im Gesundheitsministerium. Die Behörde wird nicht mehr nach wissenschaftlichen Fakten geführt, an den Schaltstellen sitzen nun ideologische Freunde des Ministers. Der Genuss von Haushaltsreinigern zur Bekämpfung von Infektionen und Viruserkrankungen ist der neue Goldstandard für MAGA-treue US-Amerikaner.
Damit wird eine weitere Behörde handlungsunfähig. Die Statistik-Behörde wurde öffentlich zerfleddert, die nationale Atomaufsicht kann ihrer Aufgabe nicht mehr nachkommen, das Bildungsministerium wird aufgelöst. Das Handelsministerium ist mit der Implementation immer neuer »Deals« nicht mehr hinterher. Konsequenz: Erstmals seit dem 2. Weltkrieg ist der Paketverkehr zwischen den USA und weiten Teilen der Welt unterbrochen. Die EU setzte den Handel aus, weil völlig unklar ist, wie bisher zollfreie Pakete im Wert bis 800 $ nun zu bearbeiten sind.
Um das Chaos perfekt zu machen, droht die Trump-Administration nun mit der Aufkündigung des »Handelsdeals« mit der EU, wenn sie ihre Regulierung des Digitalsektors nicht aufgibt.
In Europa regt sich nur zaghafter Widerstand. Fast scheint es, als ob die Unterwürfigkeitsgesten der politischen Frontfiguren den ganzen Kontinent lähmen würden. Asien geht ganz anders mit den Forderungen aus Washington um. Möglicherweise wacht Europa erst auf, wenn eine Annexion Grönlands durch die USA unmittelbar bevor steht.
Haw Par – Das Imperium der Familien Aw und Wee
Eine Wochenzeitung warb einmal mit dem Slogan »Nichts ist Spannender als Wirtschaft«. Die Familiengeschichte der Aw’s und Wee’s aus Singapore ist ein Paradebeispiel hierfür.
Die Aw-Familie steht am Beginn der Erfolgsgeschichte »Tiger Balm«, heute eine globale Marke für eine universelle Salbe mit ätherischen Ölen.
Die Wurzeln liegen im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Aw Chu Kin war ein chinesischer Kräuterheilkundiger, der in den 1870er Jahren von China in das damals britisch kontrollierte Rangun (heute Yangon, Myanmar) auswanderte. Seine Söhne, Aw Boon Haw (der “sanfte Tiger”) und Aw Boon Par (der “sanfte Leopard”), übernahmen das Geschäft und entwickelten Anfang des 20. Jahrhunderts in Rangun den weltberühmten Tiger Balm – bereits damals unter dem Namen Haw Par.
Die Brüder expandierten ihr Geschäft von Burma aus in andere Teile Südostasiens, die ebenfalls unter britischer Herrschaft standen. 1926 verlegten sie ihr Geschäft nach Singapore, das administrative Zentrum der britischen »Straits Settlements«. Die Infrastruktur, die Rechtssicherheit und die wirtschaftlichen Möglichkeiten, die das britische Kolonialreich bot, waren entscheidend für den Erfolg und die internationale Verbreitung von Tiger Balm.
Die Geschichte von Haw Par ist ein Paradebeispiel für das aufstrebende chinesische Unternehmertum in der Kolonialzeit. Viele Chinesen wanderten in dieser Ära nach Südostasien aus und bauten in den Nischen, die die Kolonialwirtschaft bot, beeindruckende Geschäftsimperien auf. Sie waren oft die Händler, Geschäftsleute und Finanziers, die die lokale Wirtschaft am Laufen hielten. Die Aw-Brüder waren mit ihrem Gespür für Marketing und Markenbildung (der springende Tiger als Logo) Pioniere auf diesem Gebiet.
Ein sichtbares Erbe dieser Ära ist die Haw Par Villa in Singapore. Dieser Themenpark wurde 1937 von Aw Boon Haw erbaut und spiegelt die kulturellen Werte und die chinesische Mythologie wieder, die er der Öffentlichkeit vermitteln wollte. Der Park selbst ist heute eine Art historisches Zeugnis für die Gedankenwelt und den Philanthropismus eines wohlhabenden chinesischen Geschäftsmannes aus der Kolonialzeit.
Im Jahr 1954 starb der letzte der beiden Gründungsbrüder (Aw Boon Haw). Die Erben führten das Unternehmen so gut es ging weiter. Es entwickelte sich zu einem »schlafenden Riesen«: hoher Barmittelbestand, kaum Innovationen und wenig Wachstum.
Eine neue Ära beginnt
1969 brachte die Familie Aw ihre Vermögenswerte, darunter auch Anteile an der Chung Khiaw Bank, in die neu gegründete börsennotierte Firma Haw Par Brothers International ein. Dies verfolgte auch der walisische Geschäftsmann Stanley Stewart. Er war der Kopf des Handelshauses Slater Walker Securities, das später zu Slater Hutchison wurde.
Slater Hutchinson war auf “Asset Stripping” spezialisiert: Stewart verbrachte seine Tage damit, unterbewertete Unternehmen zu identifizieren, die über massive Barreserven oder wertvolle Immobilienbesitze verfügten, aber schlecht gemanagt wurden (sog. “Asset Plays”, siehe auch der ikonische Film »Pretty Woman«). Haw Par war das perfekte Ziel: eine ikonische Marke mit einem riesigen Berg an Cash und wenig Schulden, geführt von einer passiven Familie.
Stewart begann heimlich Anteile von Haw Par auf dem Markt zu kaufen. Die ahnungslosen Erben der Aw-Familie bemerkten die Bedrohung nicht oder unterschätzten sie. Als die Aw-Familie erwachte, war es zu spät. 1971 hatte Slater Hutchison eine kontrollierende Beteiligung erworben. In einem erbitterten Kampf, der die singapurische Börse erschütterte, übernahm Stewart die Kontrolle und setzte die Aw-Familie vom Board ab. Die Gründerfamilie wurde entmachtet.
Unter Stewart verwandelte sich Haw Par in eine »Piggy Bank« für Stewarts ambitionierte Pläne.
- Stewart begann sofort, die liquiden Mittel und Vermögenswerte von Haw Par zu nutzen, um über Slater Hutchison ein riesiges Konglomerat aufzubauen.
- Aber auch Haw Par investierte in spekulative Bereiche:
- Immobilien: Hochriskante Projekte in Asien und weltweit.
- Finanzdienstleistungen: Beteiligungen an riskanten Finanzgesellschaften.
- Spielbanken: Haw Par erwarb das Grand Hotel auf den Bahamas inklusive eines Casinos.
Tiger Balm wurde zur Randnotiz. Die Cashflows der Marke wurden angezapft, um Stewarts spekulative Abenteuer zu finanzieren.
Trotz des allgemeinen wirtschaftlichen Booms in den 1970ern und 1980ern in Asien (Tiger-Staaten, Japanifizierung) stieg die Verschuldung innerhalb des Slater Hutchison Konglomerats immer weiter an. Die Turbulenzen als Folge des Zinsschocks der US-FED unter Volcker 1981 brachen Slater Hutchison das Genick. Die Haw Par wurde regelrecht ausgeplündert um Verbindlichkeiten des Konglomerats zu bedienen. Aber erst 1986 kollabierte Slater Hutchison.
Die Rettung durch die Familie Wee
Die United Overseas Bank(UOB) ergriff die Chance, das strauchelnde Haw Par Konglomerat zu übernehmen.
Zunächst verleibte man sich die Chung Khiaw Bank ein. Dem Haw Par Rumpf gewährte man gegen die Ausgabe neuer Aktien
eine Kreditlinie, die aber nur einen völligen Kollaps verhinderte. Das Ziel der Familie Wee war es, die
Marke Tiger Balm zu einem möglichst günstigen Preis zu erwerben.
Als Slater Hutchison kollabierte, ging die Kontrolle der Haw Par an die United Overseas Bank (Beteiligung: 41%). Die UOB selbst stand schon immer unter der Kontrolle der Wee-Familie. Diese stellte dort das Führungspersonal und hatte eine Aktienmehrheit. Dieses Schema wurde auf die Haw Par übertragen. Die Haw Par blieb aber weiterhin an der Börse in Singapore notiert. Der Handel war allerdings nicht liquide.
Die Familie Wee stieß alle Nichtkernbeteiligungen ab. Haw Par wurde zu einem Dividendenstar umgebaut: Eine globale Marke (Tiger Balm), strategischer Immobilienbesitz in Singapore, die Haw Par Villa mit dem angeschlossenen Freizeitpark als Diversifizierung und Anker für das Marketing.
Unter dem Dach der UOB entwickelte sich die neue Haw Par ausgezeichnet. Gewinne wurden nur teilweise ausgeschüttet. Man erwarb Zug um Zug eine strategische Beteiligung an der UOB, baute eine Überkreuzbeteiligung auf. Im Jahr 2002 zwang der Staat Singapore die ansässigen Banken, Bankgeschäfte und sonstige Geschäftsführungen zu trennen. Der Großteil der Anteile der UOB an der Haw Par wurden an die damaligen Anteilseigner ausgeschüttet – diese erhielten Haw Par-Aktien. in ihr Depot eingebucht. Die UOB hält weiterhin eine strategische Beteiligung von etwa 10 Prozent.
Mit Überkreuzbeteiligungen und strategischen Managementpositionen übt die Wee-Familie eine dauerhafte Kontrolle über die UOB und die Haw Par aus. Es ist sichergestellt, dass feindliche Übernahmen unmöglich sind.
Die Haw Par ist eine börsennotierte Gesellschaft mit einer facettenreichen Geschichte. Tiger Balm ist das Kerngeschäft. Daneben hat die Firma ein strategisches Immobilienportfolio und ist über eine Kreuzbeteiligung mit der United Overseas Bank vor feindlichen Übernahmen geschützt. Die Firma wird in Singapore als Dividendenstar gehandelt. Auf dem aktuellen Preisniveau erzielt die Haw Par eine Dividendenrendite von 2,9% (35 % Ausschüttungsquote). Ferner kauft das Management kontinuierlich eigene Aktien auf. 2019 und 2025 wurde jeweils eine Sonderdividende (1 SGD) ausgeschüttet.
United Overseas Bank ist der wahre Dividendenaristokrat
Der Chart (Abb. 2) zeigt die Wertentwicklungen der börsennotierten Unternehmen der Wee-Familie. Die Haw-Par erbt über ihre Beteiligung anteilig die Performance der UOB.
Ein Blick auf den Chart zeigt, dass die UOB in der Vergangenheit eine bessere Wertentwicklung aufweist. Die Haw Par konnte erstmals 2025 outperformen. Ob diese Entwicklung nachhaltig ist – kaum abschätzbar! Die aktuell starke Preisentwicklung der SingLand deutet auf einen Immobilieneffekt hin. Tatsächlich profitiert Singapore von seiner Sandwich-Position zwischen China und den USA.
Die UOB schüttet mit 5 % eine fast doppelt so hohe Dividende aus (40 % Ausschüttungsquote). Es macht also sehr viel Sinn, ein mögliches Investment auf beide Unternehmen zu verteilen.
Fazit. Singapore profitiert von den aktuellen geopolitischen Entwicklungen. Ein Portfolio mit den Jardines, der United Overseas Bank und der Haw Par bietet eine solide Grundlage für ein passives, begleitendes Investment mit einer ordentlichen Dividendenrendite. Ein Investment trägt nur moderate Währungsrisiken, da der SGD von der Singapore Monetary Authority aktiv gestützt wird.