Giganten im Fokus

Der Coup von Elon Musk, in absehbarer Zeit mit der Hilfe von Tesla-Aktionären zum ersten Billionär der Menschheitsgeschichte zu werden, schaffte es fast überall in die Hauptnachrichten. Plötzlich ist wieder Phantasie in der Aktie – gemeinsam gelingt es, dieses Ziel zu erreichen, lautet das Motto. Ist das Investition, Spekulation oder schlicht Personenkult? Meta erzählt eine andere Story. Werbeeinnahmen müssen fließen, komme, was wolle. Also überzieht man seine Nutzer mit illegalen Angeboten – und verlangt als Risikokompensation einen Aufpreis von den Inserierenden. Weil das nicht reicht, verschuldet man sich außerbilanziell. Merkt ja keiner.
Solch zwielichtige Geschäfte erwartet man eigentlich in Hinterzimmern in Hongkong. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Dort plüstern sich die ehrwürdigen Jardines zum rechtmäßigen Nachfolger der Berkshire Hathaway auf – der neue Taipan entfaltet seine Macht.

Wochenbericht 45/25 Stuttgart, 08. Nov. 2025

Jardines – auf zu neuen Ufern

Das muss gefeiert werden. LEX, die Flaggschiff-Kolumne der FT widmet der ehrwürdigen Jardine Matheson einen Feature-Artikel.

Beginnen wir ganz vorn – okay, nicht mit der Firmengründung im Jahr 1832, sondern mit dem Ableben des Taipans Henry Keswick. Dieser trat 1961 seine erste Stelle an, führte das Unternehmen seit 1972 – und starb im November 2024 im Alter von 86 Jahren. Seit 2019 ist Ben Keswick, dessen Enkel, Taipan. Im Jahr 2021 begann dieser, dem Konzern eine neue Richtung zu geben. Jardine Strategic der Private-Equity-Arm der Jardines wurde reprivatisiert. 2025 folgte das Delisting der Hotelkette Mandarine Oriental, finanziert durch einen Teilverkauf eines Bürogebäudes in Hongkong. Die Vermögenswerte konzentrieren sich zunehmend in der Stammaktie Jardine Matheson. Sie werden zukünftig aktiv gemanagt, dies war die zentrale Message an die Aktionäre.

Im Mai 2025 wurde mit Lincoln Pan ein erfolgreicher Private-Equity-Manager zum Geschäftsführer der Jardines bestellt, die rechte Hand des Taipan. Pan war 15 Jahre bei der PAG (Pacific Alliance Group) beschäftigt, zuletzt als Managing Partner und Co-Head of Private Equity. Er gilt als Spezialist für Private Equity in Südostasien. Damit sind die Jardines endgültig im 21. Jahrhundert angekommen.

Aus der Sicht Hieronymus passiert dort Erstaunliches. Ein Mischkonzern »entmischt« sich ohne dabei zu zerfallen. Die Beteiligungen werden mit den Methoden eines Private-Equity-Managers optimiert, Synergien werden systematisch erschlossen, die Profitabilität nachhaltig und langfristig erhöht. Kurzum:

Die Jardines werden zur Prosus Asiens und entwickeln immer mehr Ähnlichkeiten zur Berkshire Hathaway.

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Abbildung 1 : Preisentwicklung der Jardines

Die Aktionäre sind nicht abgeneigt!

Zeit die Miniserie »The Noble House« von 1988 noch einmal anzuschauen, mit Pierce Brosnan als Taipan, der später James Bond werden sollte.

Tesla – läßt Narrative sprechen

Die Nutzung von Tesla als Selbstbedienungsladen für Elon Musk ist im Mainstream angekommen. Die Freitagsausgabe von Der Tag setzt sich ausführlich mit dem »Deal« auseinander. Eine klare Hörempfehlung!

Die Aktie ist im Vorfeld deutlich teurer geworden.

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Abbildung 2: Preisentwicklung von Tesla

Mit dem Versprechen von Elon Musk, dass Tesla auch zukünftig im Zentrum neuer Innovationen stehen wird, ist die Gefahr gebannt, dass dort nur noch Ladenhüter-PKW gefertigt werden und Gegenstände der Zukunft, namentlich Robo-Taxis und humanoide AI-Roboter, in anderen Musk-Gesellschaften entwickelt werden. Tesla hat eine klare 10-Jahres-Perspektive. Isoliert betrachtet grenzt sich der Konzern angenehm vom hektischen Momentkapitalismus in den USA der Gegenwart ab. Erkauft wird dieses »Asset« mit einem exzessiven und teilweise religiösen Personenkult. Positiv ist auch zu bemerken, dass ein im Unternehmen gebundener Elon Musk keine Zeit mehr hat, seine faschistischen Phantasien in die Welt heraus zu posaunieren.

Ganz Mutige können nun mit langfristigen Optionen auf die versprochenen Kurssteigerungen der Aktie setzen. Ohne eine entsprechende Preisentwicklung erhält Elon Musk keine Boni und wird auch nicht der erste Billionär der Menschheitsgeschichte.

Die Preisentwicklung der Aktie wird nun definitiv nicht mehr an (absehbar unbefriedigenden) PKW-Absatzzahlen oder den (absehbar sinkenden) Verkaufsmargen gemessen. Kurzfristig muss Tesla auch keine Durchbrüche bei Robo-Taxis oder Robotern vorweisen. Der Zeithorizont ist klar gesetzt, Aktionäre sind aufgefordert, an den Erfolg zu »glauben« – langfristig natürlich.

Das bringt uns zurück zum »Zeitalter der Narrative«; starke Narrative stützen die Marktpreise insbesondere hochkapitalisierter US-Unternehmen. Wer bei diesen Worten ein Déjà-vu hat mit fast identischen Parolen um die Jahrtausendwende: Willkommen im Club.

Meta – unbequeme Wahrheiten

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Abbildung 3: Preisentwicklung von Meta

Große Preisausschläge sind üblicherweise ein Hinweis auf dem Wert innewohnende Risiken. Der jüngste Preisverfall der Meta-Aktie (von 800 $ auf 650 $) hat konkrete Hintergründe.

Dröseln wir das Ganze über die Fundamentalzahlen auf. Das passiert heute nicht mehr in der Hieronymus-Dachkammer, sondern in den Weiten der Alibaba-Cloud. Auf die Frage nach der fundamentalen Entwicklung des Meta-Konzerns kommt Qwen3Max zu folgender Einschätzung:

Meta hat sich in den Jahren 2022 bis 2024 als profitables Unternehmen mit stark wachsenden Umsätzen und Nutzerzahlen etabliert. Die Abhängigkeit von Werbeeinnahmen bleibt hoch, wird jedoch durch operative Effizienz und Nutzerbindung gestützt. Die Investitionen in AR/VR unter “Reality Labs” sind weiterhin kostspielig, aber strategisch relevant. Die finanzielle Stabilität ist durch niedrige Verschuldung und starke Cashflows gesichert.

Auf die Nachfrage: »Meta investiert massiv in AI. Wie passt dies mit der Aussage zusammen, die Verschuldung des Konzerns sei gering?« antwortet der Roboter entlarvend:

Die Aussage, Meta sei gering verschuldet, bezieht sich auf die offizielle Bilanz. Tatsächlich dürfte die effektive Verschuldung aufgrund der AI-Investitionen und der Verwendung von SPVs deutlich höher liegen, als es die Bilanz suggeriert.
Hier die ausführliche Antwort: link zu Qwen3

Bloomberg ist dies auch aufgefallen. Das Ergebnis der Recherche ist aufschlußreich.

Meta verbirgt stillschweigend etwa 30 Mrd. USD an AI-bezogenen Schulden in speziellen Zweckgesellschaften (SPVs), einem Finanzierungstrick, der an Enron und die Hypothekenkrise von 2008 erinnert. Indem das Unternehmen seine Finanzierung für AI-Infrastruktur außerhalb der Bilanz platziert, konkret über eine SPV mit Blue Owl Capital, verdoppelt Meta effektiv seine Kreditkapazität, während es die Verschuldung vor den Augen der Öffentlichkeit verbirgt.

Analysten warnen, dass sich dieser Trend rasch ausbreitet: Die UBS schätzt, dass AI-bezogene Schulden aktuell quartalsweise um 100 Mrd. USD wachsen. Morgan Stanley prognostiziert, dass Technologieunternehmen bis 2028 außerbilanzielle Kredite auf bis zu 800 Mrd. USD ausbauen werden.

Ähnliche Konstrukte entstehen nämlich auch anderswo: Musk’s xAI richtet ein 20 Mrd. USD umfassendes SPV ein, um Nvidia-Chips zu mieten, und Google versteckt seine Verschuldung in Rechenzentren mit Bitcoin-Minern.

Was wie Innovation aussieht, ist in Wahrheit eine neue Form der Finanz-Alchemie: Leverage im Stil von 2008 verpackt in den AI-Hype. Während die Chips schneller an Wert verlieren als erwartet und Unternehmen immer undurchsichtigere Schulden aufnehmen, wächst die Fragilität des Systems.
Quelle: Bloomberg

Das ist im Falle Meta nur die halbe Wahrheit. Am 6.November veröffentlichte Reuters eine Hintergrundstory über »systematische Versäumnisse des Meta-Konzerns bei der Eindämmung von betrügerischer Werbung.«

Demnach prognostizierte Meta intern Ende 2024, dass rund 10,1 % seines Gesamtumsatzes im Jahr 2024 – etwa 16 Milliarden US-Dollar – aus Werbung stammen würden, die gegen eigene Richtlinien verstößt, darunter Betrugsanzeigen, illegale Glücksspielangebote und verbotene medizinische Produkte. Eine genauere Aufschlüsselung zeigt, dass Meta jährlich etwa 7 Milliarden US-Dollar aus sogenannten „higher risk“-Betrugsanzeigen erwirtschaftet – solchen, die eindeutige Anzeichen von Täuschung aufweisen

  • Täglich werden Nutzer:innen von Facebook, Instagram und WhatsApp im Durchschnitt mit 15 Milliarden betrügerischen Anzeigen konfrontiert.
  • Hinzu kommen 22 Milliarden tägliche organische Betrugsversuche (z. B. über Marketplace oder gefälschte Profile), die nicht über bezahlte Werbung laufen.
  • Meta schätzt intern, dass seine Plattformen an einem Drittel aller erfolgreichen Betrugsfälle in den USA beteiligt sind – mehr als die meisten Wettbewerber, insbesondere im Vergleich zu Google.

  • Die britische Aufsichtsbehörde berichtete, dass 54 % aller betrugsbedingten finanziellen Verluste im Zahlungsverkehr 2023 über Meta-Plattformen abgewickelt wurden.
  • Die US-amerikanische Securities and Exchange Commission (SEC) ermittelt wegen betrügerischer Finanzwerbung gegen Meta.
  • Intern rechnet Meta mit Geldstrafen von bis zu 1 Milliarde US-Dollar, hält diese aber für gering im Vergleich zu den 3,5 Milliarden US-Dollar, die allein alle sechs Monate aus rechtlich riskanten Betrugsanzeigen fließen.

Link zum Reuters Artikel

Es drängt sich der Verdacht auf, dass Meta sein Tagesgeschäft zugunsten der Entwicklung des AI-Geschäfts vernachlässigt. Dies, die fragwürdigen Finanzierungsmethoden und die exzessive Personalpolitik des Konzerns in AI-Belangen rechtfertigen die sehr starken Preisschwankungen der Meta-Aktie. Das Chance-Risiko-Verhältnis eines Investments schätzt Hieronymus als unbefriedigend ein.

Wiederaufnahme ESTX-Handelssystem

Seit dem Sommer pausiert das EuroStoxx Handelssystem. Das Chance-Risiko-Verhältnis passte angesichts bei niedriger Volatilität steigender Marktpreise einfach nicht. Rückblickend wäre im Oktober eine Einstiegsgelegenheit gewesen. Die aktuell leicht bröckelnden Marktpreise nutzten wir für eine Reaktivierung des Handelssystems. Zum Start wurde ein konservativer Strangle 5200/6000 mit Fälligkeit Januar 2026 aufgebaut. Weiter sinkende Marktpreise sind eine Gelegenheit, den Strangle mit Put-Optionen zu erweitern. Sollte der Aufwärtstrend wieder aufgenommen werden, wird der Strangle trendfolgend verkürzt: steigen die Marktpreise über 5750, wird ein Put 5600 hinzugefügt.

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Abbildung 4: Entwicklung des EuroStoxx 50 mit Trendlinien und den Profitabilitätsgrenzen des Strangles

In der vergangenen Woche gab der EuroStoxx50 volatil per Saldo 60 Punkte ab (ca. 1 %). Bemerkenswert ist die kräftige Erholung am Freitag nach Börsenschluss in Europa.

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Abbildung 5: Intraday-Preisentwicklung des EuroStoxx-Futures in der ersten Novemberwoche

Der Preisverlauf der Vorwoche ist isoliert unauffällig. Die größten Preissprünge traten außerhalb der Handelszeiten in Europa auf. Die Marktpreise werden durch äußere Effekte und Einflüsse geprägt. Per Saldo baute sich die Spekulation leicht ab. Möglicherweise ist die Korrektur bereits weit fortgeschritten.

Das Schaufenster zur ESTX-Handelsstrategie wird in der nächsten Woche neu aufgesetzt.